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25.01.16 Investitionen in Naturkapital

Welchen Beitrag leistet die Natur für die nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume? Setzen die europäische und die deutsche Agrarpolitik die richtigen Hebel für die Vereinigung von Ökologie und Ökonomie an? International hat der Bericht „The Economics of Ecosystems and Biodiversity” (TEEB) auf der Vertragsstaatenkonferenz in Nagoya 2010 den Durchbruch geschafft [1]. Seitdem arbeiten Länder an nationalen Strategien.

Die Leibniz-Universität Hannover und das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle haben auf dem Zukunftsforum Ländliche Entwicklung der Internationalen Grünen Woche den Bericht „Ökosystemleistungen in Ländlichen Räumen“ vorgestellt. Im Jahresverlauf wird noch ein Band zum Thema Stadtnatur und Lebensqualität und im nächsten Jahr ein Synthesebericht erscheinen.

Mit gleichen Werten argumentieren

Der Natur einen ökonomischen Wert vergeben erscheint auf den ersten Blick absurd. Doch nach der BUND-Ehrenvorsitzenden Angelika Zahrnt haben Ökologen und Ökonomen damit eine gemeinsame Sprache für einen Interessensausgleich entwickelt. Das Land sprudelt über vor Nutzungskonkurrenzen. Die einen wollen Häuser bauen, die anderen brauchen das Land für die Lebensmittelproduktion, andere hingegen geben einst vertriebenen Tieren wieder Raum. Dia Balance zwischen Natur und Landschaftskultur, zwischen Ökologie und Ökonomie spiegelt sich in der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU wider. Die Ökologisierung hat Einzug in die Landwirtschaft gefunden und wird sich daraus auch nicht mehr entfernen lassen. Mitautor Prof. Dr. Bernd Hansjürgens vom UFZ will keine Seiten auf Kosten der anderen wachsen lassen. Der Bericht will einen Weg beschreiben, den Ökologie und Ökonomie als Prozess gemeinsam gehen werden müssen.

Die Probleme auf dem Land sind vielfältig: Flächeninanspruchnahme verringert das Grünland. Zwar werde zunächst Ackerland in Anspruch genommen, doch zum Ausgleich wird Grünland in Ackerboden umgewandelt, obwohl es als Senke für Kohlendioxid ungleich wertvoller als der Ackerboden ist. Auch beim Stickstoff-Überschuss zeigen die Verbesserungen keine Trendwende in der Verringerung der N-Salden, beschreibt Prof. Dr. Christina von Haaren von der Universität Hannover. Hintergrund ist nach der Expertin die mangelnde Berücksichtigung des Naturkapitals als volkswirtschaftlichen Nutzen. Unrealistisch ist das nicht. So zahlen beispielsweise die Wasserwerke Leipzig den Landwirten einen Beitrag für die nachhaltige Landbewirtschaftung, weil das günstiger ist, als Nährstoffe über das Klärwerk aus dem Wasser zu filtern. Eine reine ökonomische Betrachtung.

Beispiel Grünlandumbruch

Der Gewinn von neuem Ackerland erzielt zwischen 370 und 600 Euro Gewinn pro Hektar und Jahr. Allerdings müssen Kosten entgegengestellt werden. So müssen für mehr Klimaschutz 700 bis 2.240, für die Erhaltung der Grundwasserqualität zwischen 10 und 120 sowie für den Erhalt der Biodiversität zwischen 300 und 1.000 Euro pro Jahr und Hektar veranschlagt werden. Beträge, die den Gewinn an Versorgungsleistung deutlich übersteigen.

Diese Diskussion ist schon längst im Parlament angekommen [2]. Es geht um die Verteilungsfrage, erklärt von Haaren. Die Inwertsetzung kann Transparenz in politische Prozesse bringen.

Ein verborgener Wert

„Es geht um einen verborgenen Wert“, erklärte Elsa Nickel aus dem Bundesumweltministerium. Es gehe nicht um ein Preisschild, sondern für zusätzliche Argumente und Versachlichung der Umwelt- und Agrardebatte. Die Bundesregierung will die Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes (GAK) zu einem Fonds für den gesamten ländlichen Raum erweitern. Dazu müsste die GAK „grundlegend geändert werden“, forderte Nickel.

Geld in der Agrarpolitik gibt es. In der 2. Säule sind die Mittel für Agrarumweltmaßnahmen eingeplant. Doch die Verteilung ist unterschiedlich. Das meiste Geld geht immer noch in die Direktzahlungen an die landwirtschaftlichen Betriebe. Nur ein Teil wird an Cross Complinace mit Umweltaufgaben verbunden. Die Verschiebung aller Mittel in eine zweite Säule oder generelle Bindung an Umweltmaßnahmen findet bei den Ökologen breite Unterstützung. Die Diskussion um die Gemeinsame Agrarpolitik GAP ab der Förderperiode 2020 hat mit dem TEEB-Bericht begonnen.

Hemmerling fordert Gesamtbetrachtung

Udo Hemmerling, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, vertritt die landwirtschaftlichen Interessen in der projektbegleitenden Arbeitsgruppe und findet den Ansatz „spannend, weil er zur Objektivierung der Diskussion“ beitragen kann. „TEEB ist gut, wenn es denn im Rahmen bleibt“, schränkt Hemmerling seine Unterstützung ein. Auch von Haaren forderte ein Monitoring „mit Augenmaß“.

Hemmerling allerdings warnt vor einem „Naturschutzfonds ohne Landwirtschaft“, der bei den Landwirten keine Akzeptanz finden werde. So stellten die aktuellen Greening-Maßnahmen die Bauern nicht vor die Aufgabe der praktischen Umsetzung, sondern vor komplizierten Rechtsvorschriften, bei denen Fehler eine Entschädigung nach sich ziehen. Offen bleibt für Hemmerling die Frage: „Wie kommt man in eine Gesamtbetrachtung hinein?“.

Alles andere als weltfremd

Der Bericht klingt zwar nach Grundlagenforschung – doch die politische Praxis ist weiter. Im letzten Jahr haben das Agrar- und das Umweltministerium gemeinsam die Hilfen für den Hochwasserschutz der Länder in Angriff genommen. Die jährlich wiederkehrenden Schäden haben die Kosten für die Schutzvorrichtungen für Polder und Deichrückverlegung längst übertroffen.

Die Agrarpolitik müsse sich zunehmend den gesellschaftlichen Anforderungen stellen, führte Prof. Dr. Hiltrud Nieberg vom Thünen-Institut aus. Die Direktzahlungen der ersten Säule stünden nicht für gesellschaftliche Interessen zur Verfügung. Die zweite Säule biete im Bereich der Agrarumweltmaßnahmen lediglich eine Kostendeckung und keinen Anreiz, mehr zu tun. Zumal werden nur durchschnittliche Prämien von 300 Euro gezahlt. Betriebe die für Maßnahmen mehr aufwenden müssen, verzichten darauf. Die Maßnahmen müssten viel differenzierter und standortspezifisch sein. Durch gezielte Aufgaben könnte auch der Maßnahmeumfang geringer werden. Doch, so mahnt Dr. Nieberg, weniger, spezifische Maßnahmen gegen mehr Geld könnten auch die Verwaltungskosten in die Höhe treiben.

Maßnahmen

Der Bericht stellt konkrete Maßnahmen zur Umsetzung vor: Umweltziele müssten konsequenter umgesetzt werden, Zahlung der Agrarpolitik an gesellschaftliche Leistungen knüpfen undAusbau der zweiten Säule für eine leistungsbezogene Honorierung.

Lesestoff:

Naturkapital Deutschland – TEEB DE, 2016. Ökosystemleistungen in ländlichen Räumen – Grundlagen für menschliches  Wohlergehen und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung. www.naturkapital-teeb.de

[1] Den Wert der Natur in die Mitte der Gesellschaft stellen

[2] Nachhaltigkeit zwischen positiver Bilanz und Handlungsbedarf

Roland Krieg

[Sie können sich alle Artikel über die diesjährige Grüne Woche mit dem Suchbegriff „IGW-16“ anzeigen lassen]



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