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10.09.13 Raumordnung im demografischen Wandel neu denken

Die Bevölkerung in Deutschland nimmt ab. Die Bevölkerung wird dabei immer älter. Die Eckdaten des demografischen Wandels sind bekannt, doch welche Konsequenzen für den ländlichen Raum gezogen werden müssen, wird wenig diskutiert. Anlass zum „Neudenken“ gibt die am Montag in Berlin vorgestellte Studie „Vielfalt statt Gleichwertigkeit“ vom Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung und dem Potsdamer Institut for Advanced Sustainability Studies (IASS).

Trend unumkehrbar

Dr. Reiner Klingholz vom Berliner Bevölkerungsinstitut führt vier Gründe für den demografischen Wandel und seinen Folgen für den ländlichen Raum an. Sinkende Kinderzahlen sind mittlerweile auch auf dem Land erkennbar. „Jobs“ brauchen eine kritische Masse an Forschungsstätten, Unternehmen und Bevölkerung. Die ist in der Regel bei 1.000 Einwohnern gegeben. Regionen mit weniger als 20 Personen pro Quadratkilometer wie die Uckermark oder die Müritzer Seenplatte kommen dagegen nicht mehr an. Auch der Bildungserfolg belastet den ländlichen Raum: Wer Abitur macht, der geht eher in die Städte und verlässt das Land für immer. Der vierte Punkt schließt den Teufelskreislauf: Wenn immer mehr Menschen gehen, wird die Infrastruktur kostspielig und aufgegeben – fehlen Ärzte und Schulen, beschleunigt das den Wegzug.
In fast allen 96 Raumordnungsregionen in Deutschland geht die Zahl der unter 20-jährigen stark zurück. Nur die Regionen München, Havelland-Fläming, Oberes Elbtal/Osterzgebirge, Westsachsen und Hamburg werden noch bis 2030 einen Zuwachs von jungen Menschen verzeichnen.
Die leeren Räume entstehen nicht nur in Ostdeutschland. Bayern und Baden-Württemberg können den Schwund durch Zuwanderung von Arbeitskräften aus Südosteuropa noch aufhalten. Doch: Zwei Drittel der Kommunen hat sinkende Bürgerzahlen zu verzeichnen, in zwei Drittel der ostdeutschen Kommunen sinkt die Bevölkerungszahl jährlich um mindestens ein Prozent.

Trend weltweit

Deutschland steht mit diesem Problem nicht alleine da, ergänzt Prof. Dr. Klaus Töpfer, Exekutivdirektor des IASS. Japan und Russland suchen ebenfalls händeringend nach Lösungen und selbst in den Entwicklungsländern konzentriert sich der Bevölkerungszuwachs auf die Städte und nicht auf das Land. Deutschland habe dadurch Chancen, Modelle für andere Regionen zu entwickeln, wie die Raumplanung mit verlassenen Regionen umgehen muss und wie die verbleibende Bevölkerung zu versorgen ist.

Verschwenderisch

Deutschland reagiert auf den demografischen Wandel nicht. Eva Kuhn, Mitautorin der Studie am IASS, führt Beispiele an: Trotz sinkender Bevölkerungszahlen steigt die Verkehrsfläche pro Kopf. Auch die Versiegelung der Flächen geht ungehindert weiter. Der Anschlusszwang an das Abwassersystem blockiert neue kleinteilige Lösungen wie dezentrale Anlagen und Teichkläranlagen, die kostengünstiger sind.
Die Kosten der Infrastruktur wie für Energie und Wasser muss auf weniger Menschen verteilt werden und steigen daher an. Das gilt, so Prof. Töpfer auch für die neuen Netze der Energiewende.
Die Formel „weniger Menschen bedeuten weniger Belastung“ stimme nicht, fasst Dr. Klingholz zusammen. Die von den Menschen zurückgelegten Wege werden größer und überkompensieren den geringer werdenden Ressourceneinsatz.

Abschied von der Gleichwertigkeit

Die im Grundgesetz formulierte Gleichwertigkeit der ländlichen Räume stammt noch aus der alten Bundesrepublik, deren Wirtschaftssystem auf Wachstum ausgerichtet war. Da haben die Modelle auch für den ländlichen Raum gegolten und Wohlstand in die Peripherie gebracht. Doch schon seit der Wende funktioniert diese Überlegung nicht mehr. Aus der Gleichstellung zwischen Stadt und Land wurde das Gesetz in Richtung Gleichwertigkeit geändert – und muss nach Ansicht der Autoren erneut angepasst werden.
„Das Hochhalten der Gleichwertigkeit gibt Standards vor, die nicht mehr zu halten sind“, erklärte Eva Kuhn. Dr. Klingholz ergänzt: „Das Festhalten an der Gleichwertigkeit verschlechtert die Innovationskraft!“ Wer Gleichwertigkeit verspricht, brauche keine Alternativen vorlegen.
Neue Raumordnungskonzepte sind gefragt. Deutschland fehlt ein „Schrumpfungskonzept“. Die Planung müsse einen Weg weg von der Struktur und hin zur Dienstleistung finden. Der Bau einer Schule ist Struktur und offenbar in manchen Regionen nicht mehr lohnend. Der Dienstleistungsersatz könnten eine mobile Schule, mobile Lehrer oder Telebildung sein. Viele Lösungen sind noch gar nicht entwickelt worden, kritisiert Dr. Klingholz die fehlende Bereitschaft, sich aktiv mit dem Thema auseinander zu setzen.
Nach Töpfer müssen die Regionen erkennen, dass die Prozesse der Wanderung und älter werdenden Bevölkerung unumkehrbar sind. Da er nicht aufzuhalten ist, müssen die Umzugswilligen gefördert werden, sich in der nächsten Kreisstadt eine lebenswertere Umgebung zu schaffen. Dabei gehe es nicht um „aktive Umsiedlung“, betonte Klingholz – aber es geht darum, den Menschen, die weg wollen, auch keine Steine in den Weg zu legen und mit falschen Versprechungen im Dorf zu halten. Auch das koste Geld.
Ohne zusätzliches Geld sollten alle Fonds für den ländlichen Raum zusammengelegt und vor Ort gebündelt werden. Die Zeit, mit touristischen Spaßbädern in menschenleeren Regionen Wertschöpfungsketten zu etablieren, sei vorbei. Die Kommunen wüssten am besten, was Nützlich sei. Das ist nicht nur Übertragung der Verantwortung an die Kommunen, das ist vielmehr eine Umkehr der Förderpolitik. Wirtschafts- und Regionalpolitik gilt noch immer als Auslöser für Wachstum. Aber es wird auch dort gefördert, „wo sich gar keine Verbesserung der Lebenssituation ergeben kann“.

Demografiechecks

Die Studie listet zu den Themenbereichen Energie, Wasser, Mobilität und soziale Infrastruktur viele kleine Handlungsempfehlungen auf. Eine Patentlösung für alle Probleme und alle Regionen ist nicht dabei. Aber jede Investition sollte einen Demografiecheck beinhalten, der bei Planungen die künftige Bevölkerungsentwicklung berücksichtigen muss.

Lesestoff:

Die Studie „Vielfalt statt Gleichwertigkeit“ gibt es kostenfrei unter anderem unter www.berlin-institut.org -> Publikationen -> Studien 

Roland Krieg



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