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11.12.09 Bauern setzen auf die Politik

4,1 Millionen Menschen arbeiten in der „Lebensmittelkette“, jeder zehnte Arbeitsplatz hängt an der Agrar- und Ernährungsbranche und eine Million arbeiten direkt in der Landwirtschaft. Bei Milch, Schweinefleisch, Kartoffeln, Zucker und Raps stehen die deutschen Bauern in Europa auf Platz eins und jeder vierte Euro an die Bauern kommt bereits aus dem Exportgeschäft. Mit 52 Milliarden Euro steht Deutschland auf Platz drei der Agrargüterexporteure.
Doch der Situationsbericht 2010, den der Deutschen Bauernverbandes (DBV) am Donnerstag in Berlin vorstellte, weist keine guten Zahlen für die Bilanzen der Betriebe aus.

Schatten überwiegen in den Bilanzen
Die Auswertung von 19.100 Jahresabschlüssen zeigt, dass im letzten Wirtschaftsjahr die Milchländer, wie beispielsweise Bayern verloren, Veredler wie etwa in Nordrhein-Westfalen hinzugewonnen haben. Aber auch bei den Ökobetrieben verschlechterte sich das Betriebseinkommen:

Der erste Blick auf das kommende Wirtschaftsjahr bleibt düster. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner sieht keine Verbesserungen für 2009/2010, weil es in den letzten sechs Monate keine entsprechenden Signale gegeben hat. Generell gilt: Die Erträge sinken, die Ausgaben steigen. Nach Milch mit einem Minus von 21 Prozent sind auch die Erlöse für Futter- und Energiepflanzen um 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesunken. Gestiegen sind die Erträge aus Öl- und Hülsenfrüchte um 50 und bei Schweinen um 15 Prozent.
Bei den gestiegenen Aufwendungen stehen Viehkäufe mit 21 Prozent und Düngemittel mit 15 Prozent an der Spitze.
Bei den Ackerbaubetrieben führten vor allem die gesunkenen Erträge bei Getreide, Futter- und Energiepflanzen zum negativen Betriebsergebnis. Es gab nach angaben des DBV regionale Unterschiede, wobei die Haupterwerbsbetriebe in Schleswig-Holstein und Bayern die höchsten Verluste verzeichnen mussten.
Das Thema 2009 war erneut der Milchpreis, der mit seinem historischen Tiefstand auch die Bilanzen der Betriebe verhagelte. Reine Milchbetriebe verloren 22.829 Euro gegenüber dem Vorjahr, was auch gestiegene Schlachtvieherlöse nicht mehr ausgleichen konnten. 41 Prozent der spezialisierten Milchbetriebe erzielten weniger als 20.000 Euro im Jahr.
Verluste mussten auch die Ökobetriebe hinnehmen, deren Einkommen um 4.500 auf 46.500 Euro sank. Negativ zu Buche schlugen neben rückläufigen Milcherlösen, gestiegene Personalkosten sowie Mindereinnahmen bei den Agrarumweltmaßnahmen.
Die erfolgreiche Schweineproduktion in Deutschland macht sich vor allem bei den Veredlern in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen bemerkbar. Im Vorjahr erzielten die Betriebe noch sehr niedrige Unternehmensgewinne – im vergangenen Wirtschaftsjahr konnten sie diese um das Vierfache auf 54.800 Euro steigern. Fast ein Viertel der Veredlungsbetriebe kamen auf über 80.000 Euro. Grund sind die deutlich gestiegenen Erlöse für Ferkel und Schlachtschweine, die um 36 und 16 Prozent anstiegen.
Insgesamt spiegeln sich die langjährigen Negativmeldungen bereits auf die Existenzsicherung nieder. Zwischen 5.000 und 10.000 Euro sollte jeder Betrieb zur Existenzsicherung an Eigenkapital bilden. In den letzten drei Jahren haben nach Angaben des DBV jedoch nur 37 Prozent der Betriebe die 5.000 – Euroschwelle geschafft.

Ohne Politik geht es nicht
Vor diesem schwierigen Hintergrund fühlt Sonnleitner die Bauern zumindest bei der Politik gut aufgehoben. Nicht nur der Koalitionsvertrag berücksichtige die Lage der Bauern, auch das Sonderprogramm in Höhe von 750 Millionen Euro für die nächsten beiden Jahre sei eine gute Hilfe. Vorbei sei die Zeit, in der Deutschland EU-Vorgaben noch schärfer und daher den Wettbewerb verzerrend umsetze. Nachholbedarf sieht der Bauernpräsident noch in der Ausformulierung der Risikoausgleichsrücklage.
Sonnleitner baut auch auf die Fortführung der derzeitigen Agrarfinanzierung: Die Landwirtschaft brauche eine starke erste und eine gut ausgebaute zweite Säule für die Zeit nach 2014.

20 Jahre vereinigte Landwirtschaft
Der DBV möchte seinen jährlichen Situationsbericht als Fortführung des eingestellten Agrarberichtes der Bundesregierung verstanden wissen. In diesem Jahr bildet der gesamtwirtschaftlichen Rückblicks auf 20 Jahre Landwirtschaft seit der Wende ein Schwerpunktthema.
Zwischen 1991 und 2008 ist die Zahl der Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft um 43 Prozent zurückgegangen. Von 850.000 Beschäftigen in Ostdeutschland sind zwischen der Wende bis 1991 500.000 verloren gegangen. Genau so viel wie seit dem Westdeutschland in der Landwirtschaft verloren hat. Seit 1991 hat sich aber die Arbeitsproduktivität verdoppelt. Die preisbereinigte Wertschöpfung je Erwerbstätigen ist seit 1991 um etwa 85 Prozent angestiegen. Durch die Modernisierung ist die Landwirtschaft mit rund 284.000 Euro Kapital je Arbeitskraft damit zu den kapitalintensivsten Branchen Deutschlands aufgestiegen.
Die Hälfte der ehemals 2,2 Millionen Hektar staatliche Fläche ist bereits privatisiert.

Der Landkauf spielt aber eine untergeordnete Rolle. 2008 machten Bodenkäufe nicht mehr als 0,7 Prozent der Gesamtfläche aus. Hingegen gewinnt die Pacht an Bedeutung.
Ost und West bewegen sich aufeinander zu. Zwischen 1991 und 2007 ist der durchschnittliche Westbetrieb von 22,1 auf 35,4 Hektar angewachsen, der Ostbetrieb hat sich von 346 auf 197 Hektar verkleinert.

Parallel verschiebt sich auch die so genannte Wachstumsschwelle nach oben. Damit wird die Betriebsgröße beschrieben, unter der die Zahl der Betriebe ab- und oberhalb zunimmt. Lag Anfang der 1980er Jahre die Wachstumsschwelle noch bei 40 Hektar, so sind es heute 75 Hektar.

Lesestoff:
Den Situationsbericht 2010des DBV können Sie unter www.situationsbericht.de einsehen.

Roland Krieg; Grafiken: Situationsbericht 2010; DBV



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